Dirt Eater
"Ich denke, also bin ich... wohl immer noch nüchtern! LARRY! Noch ein Glas von diesem widerlichen Gebräu, das du Bier nennst!"
Na, allerliebst, dieser Typ! Er sieht so aus, als wollte er möglichst perfekt einen stinkenden Fleischberg imitieren. Und du denkst: "Hm... nicht schlecht! Ohne diesen albernen Schnurrbart und diesen schreiend bunten chinesischen Anzug wäre die Ähnlichkeit verblüffend!" Du willst dich gerade angewidert abwenden, als der Sumoringer deinen Blick streift. Er setzt ein Lächeln auf, was zusammen mit den Schlitzaugen in diesem fetten Quallengesicht irgendwie grotesk aussieht!
"Aaaah! Ein Mensch, der aussieht, als könne er einer guten Diskussion nicht widerstehen! Setz dich zu mir und laß dich von mir erleuchten! Schon Konfuzius sagte: 'Setz dich zu mir und laß dich von mir erleuchten!' Du darfst mir auch ein Bier spendieren!"
Konfuzius? Schonmal gehört... Aber ob der so einen Mist erzählt hat? Naja... da du gerade nichts besseres zu tun hast, hörst du dir einfach mal an, was Qualle so von sich gibt. Mal schauen, ob er seinem Ruf als Philosophen gerecht wird.
Das Problem der "6"

Das Problem der "6"

Wer kennt nicht die folgende Situation:

Meister:
OK, du möchtest auf den Gardisten schießen. Die Entfernung ist für deine Ares Predator weit, d.h. Grundmindestwurf von 6. Durch deine Smartgun geht's auf 4 runter, aber da der Gardist in Bewegung ist, hast du einen Mindestwurf von 5.
Spieler 1 (denkt sich):
Oh cool! Ein paar Kampfpoolwürfel dazu, dann mach ich locker 4 Erfolge!
Spieler 2:
Ähm, bist du nicht verletzt?
Spieler 1 (denkt sich):
Arsch!
Meister (mit leichtem Grinsen im Gesicht):
Ach jaaaa! Tja, dann wohl Mindestwurf von 6.
Spieler 1 nimmt grummelnd die Würfel zur Hand und weiß ganz genau:
Mindestwurf 6? Reines Glück!

Tja, und dem scheint tatsächlich so zu sein! Betrachten wir die Sache erstmal mathematisch (keine Angst, nix schlimmes!):
Die Wahrscheinlichkeit, mit einem Würfel eine 5 (oder besser) zu würfeln, beträgt zwei Sechstel (da zwei von sechs Möglichkeiten als Erfolg gelten) oder anders ausgedrückt: 33,33 %. Die Wahrscheinlichkeit, eine 6 zu würfeln beträgt nur ein Sechstel bzw. 16,67 %.
Das sind zwar "nur" knapp 17 % weniger, aber man kann auch sagen: Die Wahrscheinlichkeit, einen Erfolg zu schaffen, ist nur noch HALB so groß. Und das klingt doch schon ein wenig heftiger! Wie drastisch der Wahrscheinlichkeitsabfall von Mindestwurf 5 auf 6 ist, zeigt die folgende Tabelle (w=Zahl der Würfel, e=Zahl der Erfolge, die man erreichen möchte; der jeweils erste Wert zeigt die Wahrscheinlichkeit für MW 5 in Prozent, der zweite Wert die für MW 6):
m=5/6 e=1 e=2 e=4 e=6 e=8
w=2 55,56 / 30,56 11,11 / 2,78 x x x
w=3 70,37 / 42,13 25,93 / 7,41 x x x
w=4 80,25 / 51,78 40,74 / 13,19 1,24 / 0,08 x x
w=5 86,83 / 59,81 53,91 / 19,62 4,53 / 0,33 x x
w=6 91,22 / 66,51 64,88 / 26,32 10,01 / 0,87 0,14 / 0,002 x
w=7 94,15 / 72,09 73,66 / 33,02 17,33 / 1,76 0,69 / 0,01 x
w=8 96,10 / 76,74 80,49 / 39,53 25,87 / 3,07 1,97 / 0,04 0,015 / <0,0001
w=9 97,40 / 80,62 85,69 / 45,73 39,97 / 4,80 4,24 / 0,11 0,10 / 0,0004
w=10 98,27 / 83,85 89,60 / 51,55 44,07 / 6,97 7,66 / 0,24 0,34 / 0,002
w=12 99,23 / 88,78 94,60 / 61,87 60,69 / 12,52 17,78 / 0,79 1,88 / 0,016
w=14 99,66 / 92,21 97,26 / 70,40 73,88 / 19,37 31,02 / 1,91 5,76 / 0,069
w=16 99,85 / 94,59 98,63 / 77,28 83,41 / 27,09 45,31 / 3,78 12,65 / 0,21
w=18 99,93 / 96,24 99,32 / 82,72 89,83 / 35,21 58,78 / 6,53 22,33 / 0,53
w=20 99,97 / 97,39 99,67 / 86,96 93,96 / 43,35 70,28 / 10,18 33,85 / 1,13
Unser Spieler oben setzt also zurecht nicht mehr so viel Hoffnung in seinen Schuss! Er wird zwar wahrscheinlich treffen, allerdings nicht besonders effektiv. Wenn er zum Beispiel 12 Würfel einsetzen möchte, hat er bei Mindestwurf 5 eine Chance von ca. 60 %, vier Erfolge zu schaffen. Bei Mindestwurf 6 schrumpft die Wahrscheinlichkeit, den gleichen Effekt zu erzielen, auf ca. 12 % - also auf ein Fünftel! Mit ca. 60 %-iger Wahrscheinlichkeit schafft er gerade mal zwei Erfolge.
Beim Schießen ist das ja alles halb so wild. Wenn man daneben schießt, ist es ja (meistens) noch zu verkraften. Drehen wir die Situation also mal um. Wir nehmen uns einen durchschnittliche Runner mit einem gefütterten Mantel (Ballistik 4) und einer Konstitution von 6 und schicken ihn nach Redmond - mit einem Schild um den Hals: "Gangs sind Kinderkram!". Es dauert nicht lange und zwei durchgeknallte Punks entdecken unsere Testperson. Ungünstigerweise haben sie sich gerade ihr Gang-Abzeichen auf die Stirn tätowieren lassen. Noch die Schmerzen dieses Vorgangs im Gedächtnis reagieren sie eher ungehalten auf unsere Testperson und tun dies mit ihren Schusswaffen kund. Der eine benutzt eine schwere Pistole (Schaden 9M), der andere einen Revolver (Schaden 10M). Der erste trifft mit einem Erfolg. Unsere Testperson (die aufgrund des sperrigen Schildes nicht ausweichen kann) muss also gegen Mindestwurf 5 würfeln und benötigt vier Erfolge, um dem Schuss widerstehen zu können. Die Wahrscheinlichkeit, dies mit einer Unterstützung von vier Kampfpoolwürfeln zu schaffen, beträgt ca. 44 %. Er hat also gute Chancen, den Schuss unverletzt zu stehen.
Doch dann schießt der zweite Punk mit seinem Revolver, dessen Schadenscode nur um einen Punkt höher liegt. Auch er schafft einen Erfolg. Dummerweise liegt der Mindestwurf für die Schadenswiderstandsprobe jetzt bei 6. Die Wahrscheinlichkeit, mit Hilfe von vier Kampfpoolwürfeln vier Erfolge zu schaffen, beträgt nun nur noch 6,97 % ! OK, sagen wir, unsere Testperson weiß, dass Revolver in der Regel mehr Schmerzen verursachen als schwere Pistolen. Er teilt also nicht vier, sonder acht Kampfpoolwürfel zu Widerstandsprobe ein. Damit steigen seine Chancen auf gerade mal 19,37 %, sind also immer noch halb so groß wie beim ersten Schuss!

Beispiele dieser Art mögen vielleicht etwas konstruiert wirken (sind sie ja auch!), aber es kommt oft genug vor, dass der Mindestwurf aufgrund einer Kleinigkeit von 5 auf 6 steigt. Und das ist so etwas wie eine magische Grenze! Bei einem Mindestwurf von 5 hat man noch das Gefühl, mit vielen Würfeln auch viele Erfolge schaffen zu können. Bei Mindestwurf 6 scheint es fast egal zu sein, wieviele Würfel man wirft - man ist froh, überhaupt einen Erfolg zu schaffen! Das überspitzt den Sachverhalt zwar, aber die obige Tabelle zeigt, dass dieses Gefühl keine Einbildung ist!

Manch einer mag jetzt denken: "Was soll das alles? Man schmeißt die Würfel und hat einen Erfolg oder nicht! Fertig! Man muss nur dran glauben!" Natürlich! Wer versucht nicht, durch positives Denken, Meditation, autogenes Training, Telepathie, den Verkauf seiner Seele oder sonstiges die Würfel zu beeinflussen! Das ist nun mal eins der spannenden Elemente beim Rollenspiel!
Aber versetzt euch mal in den Meister (wenn ihr nicht selber schon gemeistert habt). Es kann Leben oder Tod für den Spielercharakter bedeuten, ob man ihm einen Mindestwurf von 5 oder von 6 vorsetzt! Bei Magie ist das z. B. auch so eine heikle Sache! Schleudert einen tödlichen Manablitz der Stufe 6 auf einen Runner und sein Leben hängt an einem seidenen Faden! Auch wenn der Magier nur einen Erfolg schafft, muss der Spieler diesen erstmal ausgleichen! Und die obige Tabelle zeigt: das ist nicht einfach! Der Durchschnittstyp mit Willenskraft 5 (bzw. 4, bzw. 6) wird in zwei von fünf Fällen (bzw. einem von zwei Fällen, bzw. einem von drei Fällen) gebraten! Was soll's, wenn der Magier nachher ein wenig angschlagen ist? Mit dieser großen Wahrscheinlichkeit auf Erfolg nimmt man das als Meister gerne in kauf!

Fazit: Was jenseits der 6 passiert, ist eher sekundär! Der Schritt von der 5 auf die 6 ist die große Hürde! Ab hier spielt der Zufall eine übermäßig große Rolle! Natürlich kann man gerade DAS für realistisch halten - je schwerer die Proben, desto mehr hängt der Erfolg vom Zufall ab. Aber man sollte ab und zu an diese Schwelle denken - gerade als Meister!

Wie kann man Abhilfe schaffen?
Eine Möglichkeit wäre folgende: DREI Fünfen zählen wie EINE Sechs! (Zwei halte ich für zuwenig, und vier für zuviel.) Das würde die Wahrscheinlichkeit nicht immens erhöhen (vor allem nicht, wenn man nur wenig Würfel zur Verfügung hat), aber immerhin ein bisschen. Wir selber spielen (noch) nicht nach diesem Prinzip, da wir uns noch nicht genug Gedanken darüber gemacht haben. Ob man mit diesen drei Fünfen z. B. einen Würfel weiterwürfeln darf, um höhere Mindestwürfe zu erreichen, wäre noch ein Diskussionspunkt. Oder wie sieht es mit offenen Proben aus? Wie gesagt, das ist nur eine Idee und keine ausgereifte Regel!
Im Nexus, dem offiziellen Shadowrun-Forum, gibt es eine Diskussion über dieses Thema, und zwar unter der Überschrift "Nichlinearer Wahrscheinlichkeitsabfall" (unter "Regeln (allg.)"). Wie man an den Einträgen sieht, haben einige nicht ganz verstanden, worum es dabei geht. Aber es sind auch ein paar interessante Ansätze zu finden!

Ich hoffe, euch nicht den Spaß am Würfeln verdorben zu haben! Bei mir persönlich ist das auf jeden Fall nicht der Fall. Seitdem ich mir so einige Gedanken darüber gemacht habe, sehe ich die 6 als große Herausforderung! Die Enttäuschung, wenn man keinen Erfolg schafft, ist nicht so groß ("'ne 6 ist ja auch verdammt schwer..."), die Freude, wenn man es schafft, dafür um so größer ("Pah, das war einfach...")!

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