Dirt Eater

Der Weg nach Phoenix

Zurück in die Küche

Ich möchte hier an dieser Stelle von einer Begebenheit erzählen, an die sich wahrscheinlich meine Chummer nicht besonders gerne zurückerinnern. Dazu muss ich sagen, dass ich in der Beschwörung von Naturgeistern - meiner Einschätzung nach - recht gut bin. Dennoch halten so manche Geisterkräfte Überraschungen parat, mit denen ich nicht im Entferntesten gerechnet hätte. Also...

Wir hatten den Auftrag von einem Johnson erhalten, ein mächtiges magisches Artefakt aus den Händen einer mysteriösen Vereinigung in Phoenix zu entwenden. Für uns gab es zwei Möglichkeiten, um von Seattle nach Phoenix zu gelangen. Der Flugweg oder der Weg über die grünen Grenzen. Wir entschieden uns für letzteres. Als das geklärt war, stand der Aufbruch unmittelbar bevor. Mr. Johnson machte uns den Weg frei über die Grenze von Seattle rein ins Salish-Shidhe Council. Um die restlichen Grenzen hatte sich unser Decker gekümmert.

Als wir die Grenze ins Council passiert hatten, befand sich unsere Laune auf dem Höchstpunkt. Es war zwar unglaublich eng in unserem Commando (man beachte, dass sich sechs Leute, darunter ein Troll und ein Ork, den Platz irgendwie teilen mussten), aber wir waren ja noch nicht lange unterwegs. Im Radio dudelte "YMCA" hoch und runter; alles war bestens. Unser Decker, Casio, der am Steuer saß, hatte sich gemütlich zurückgelehnt und dem Autopiloten bzw. dem Verkehrsleitsystem die Arbeit überlassen. Im hinteren Teil des Commandos vertrieben wir uns die Zeit mit Schachspielen oder einfach nur mit Dösen. Ich gebe zu, dass hört sich nicht besonders aufregend an, aber wir waren froh aus dem Dreksloch Seattle raus zu sein.

Auf einmal kam Bewegung in Casio. Es dauert nicht lange, bis er uns aufklärte. Der Wagen hatte sich unmerklich verlangsamt, da der Autopilot ein Hindernis auf dem Highway anzeigte. Aufgrund des schlechten Wetters, es war nebelig und der Wind peitschte den Regen gegen die Frontscheibe, konnten wir nur zögerlich erkennen, dass das Hindernis aus einem quer auf dem Highway parkenden Wagen bestand. Zu spät erkannten wir, dass es sich bei der Straßenblockade um Wegelagerer des in diesem Gebiet ansässigen Ork-Indianerstammes handelte. Insgesamt standen auf und neben der Straße mindestens drei Wagen. Es mögen auch mehr gewesen sein. Einer der Wagen gerüstet mit einem Gefechtsturm. Und dann ging der Tanz los...

Wir wurden höflich aufgefordert unseren Wagen zu verlassen. Ja klar. Aber nicht mit uns. Ich kann nicht mehr sagen, wer das Feuer eröffnet hat. Das einzige, woran ich mich erinnern kann ist, dass Casio unter lautem Fluchen den Rückwärtsgang einlegte und unser Wagen sich in Bewegung setzte. Leider mussten wir erkennen, dass unter den bekannten schlechten Bedingungen, unsere Gegner einfach zu übermächtig waren. Wir ergriffen also die Flucht. Aber irgendwie nicht wirklich schnell. Ich meine, alles lief in Zeitlupentempo ab. Wir wurden beschossen. Daedalus aktivierte seine astrale Barriere. Freddy ergriff die dickste Knarre, die er finden konnte. Casio fluchte laut und riss am Lenkrad rum. Ich überlegte krampfhaft, was ich machen könnte. Tja, und dann kam mir die Idee.

Es ist ja bekannt, dass manche Naturgeister über die Fähigkeit verfügen, Dinge innerhalb ihres Elements mittels der Kraft "Bewegung" zu beschleunigen bzw. zu bremsen. Fein. Also dürfte es ja auch für einen Nebelgeist kein Problem darstellen unserem Wagen etwas auf die Sprünge zu helfen, dachte ich. Gedacht, getan! Ich beschwor einen Nebelgeist Stufe 4, der sich außerhalb der astralen Barriere von Daedalus befand, und bat ihn, uns eben mit der vorerwähnten Kraft anzuschieben. Das tat ich meinen Chummern kund und hoffte, dass sie die Situation richtig einschätzen würden. Wie ich hinterher herausfand, war Daedalus der einzige, der sich auch nur annähernd vorstellen konnte, was kommen würde. Ersteinmal geschah nichts. Wenn man mal davon absieht, dass mittlerweile die Frontscheibe sowie die vorderen Seitenscheiben des Commandos nicht mehr existierten. Wir waren somit im Besitz einer mehr oder weniger ungetrübten Sicht auf unsere Feinde, da sich der Commando noch nicht wesentlich gedreht hatte. Casio schrie und riss unvermindert am Lenkrad. Die Heckräder drehten durch. Ich richtete meinen Blick auf das Heck um zu verfolgen, was der Geist tat. Endlich hatte Casio es geschafft, dem Wagen zumindest eine Drehung um 90 Grad abzuringen.

Der Kampf ging unvermindert weiter. Daedalus war es gelungen, mittels seiner Zauber den Schützen im Gefechtsturm lahm zu legen. Freddy hatte die Schwingtüren im Heck des Commandos aufgerissen, saß nun mit angelegtem Sturmgewehr da und zielte auf einen der gegnerischen Wagen. Auf einmal ging durch den Wagen ein Ruck. Freddy schoß, wurde durch den beachtlichen Rückstoß nach Hinten gedrückt. Der Wagen machte einen riesen Satz nach vorne und beschleunigte so sehr, dass es mit Sicherheit für ein Flugzeug zum Abheben gereicht hätte. Zum Glück besaßen Twister und Kane, die hinter Freddy knieten, die Geistesgegenwart, nicht nur sich selbst, sondern auch Freddy festzuhalten, der sonst höchstwahrscheinlich als Eilpaket für unsere Gegner den Wagen verlassen hätte.

Ich muss zugeben, dass mich die Auswirkungen der Kraft des Geistes schockierten. Der Geist, der als Nebelschwade am Heck unseres Wagens für fachkundige Augen zu erkennen war, setzte unglaubliche Kräfte frei. Und in nur wenigen Sekunden hatten wir uns von der Straßenblockade entfernt. Gerne hätte ich die Gesichter unserer Angreifer gesehen, doch ich hatte selbst genug damit zu tun mich festzuhalten. Wir wären wohl an den Leitplanken zerschellt, hätte Casio nicht noch im letzten Moment den Wagen um weitere 90 Grad gedreht und somit gerade in Fahrtrichtung gestellt. Wie schon erwähnt reichten wenige Augenblicke, um genügend Distanz zwischen uns und die Indianer zu bringen. Ich bat den Geist, seine Kraft fallen zu lassen, was er auch tat, und atmete ersteinmal tief durch. Plötzlich wurde ich mir der fragenden Blicke bewußt, die auf mir ruhten. Ich zuckte nur mit den Schultern und erklärte, dass dies nicht die Kraft des Wagens sondern die Kraft eines Geistes war. Uns allen war klar: ohne die Kraft des Geistes hätten wir noch einige Treffer stehen müssen. Ob der Commando die Schüsse überlebt hätte, sei dahin gestellt. Schließlich verdrückten sich die vermeindlichen Wegelagerer. Wir hatten ihnen doch ziemlich zugesetzt. Wir setzten unsere Fahrt fort und kamen schließlich auch in Phoenix an. Doch das ist eine andere Geschichte.

Mir ist bei diesem Erlebnis wiedermal schmerzlich bewußt geworden, dass die Natur und deren Geister sich nicht gänzlich kontrollieren lässt. Jedesmal, wenn ich einen Geist beschwöre, setze ich ungeahnte Kräfte frei. Allein dadurch, dass ich Respekt zeige, erhoffe ich mir, diese Kräfte kontrollieren zu können. Und den Respekt vor der Natur sollten wir nicht verlieren.

Denke daran, kleiner Straßenschamane da draußen.





>>>>>[Genau, kleiner Straßenschamane! Denke daran! Oder noch besser: laß doch einfach die Finger von diesen komischen Naturgeistern, wenn du sie nicht kontrollieren kannst! Ach nein, ihr Schamanen "kontrolliert" ja nicht, ihr bittet ja nur! Pah! Soll ich lachen? Warum sollte sich ein Naturgeist denn auf so eine Bitte einlassen? Kommt mal so eben aus einer seiner gemütlichen Metaebenen zu einem kleinen Anfängerschamanen 'runtergesegelt, weil dieser gerade seine ersten Beschwörungsversuche durchführt! Klar, genau darauf warten die Geister doch die ganze Zeit! Haben NICHTS besseres zu tun, als sich dann völlig wider ihre Natur zu verhalten, sich zum Beispiel zu materialisieren und in das Geschehen der ach so wichtigen Menschen einzugreifen, nur weil sie ein Möchtegern-Magier darum BITTET!?! Ne, tut mir leid, irgendwo ist da ein großer Haken an dieser Sicht der Dinge! Die ganz einfache und für einen LOGISCH denkenden Menschen sofort ersichtliche Lösung ist: OBWOHL du nur ein kleiner Straßenschamane bist, KONTROLLIERST du die Geister (zumindest einige von ihnen), und die meisten würden dich am liebsten dafür zerfleischen, dass du ihnen das antust! Kontrolle über denkende Entitäten ist natürlich eine unfeine Sache, deshalb ist es durchaus nachvollziehbar, dass schnell der Euphemismus "bitten" eingeführt wurde! Klingt ja auch irgendwie netter! Schamanen leben ja bekanntlich MIT der Natur und würden ihren Geschöpfen NIE Harm bereiten...]<<<<<
- Daedalus <20.2.58/11:41:02>



>>>>>[Daedalus, dass du das nicht verstehen kannst, ist mir klar. Steck' nur weiterhin die Nase in deine geliebten Bücher. Du kannst mit Sicherheit besonders gut das Entstehen von Zauberformeln erklären und Vorträge über irgendwelche naturwissenschaftlichen oder thaumaturgischen Themen halten. Aber von einem, mein Freund, wirst du in deinem ganzen Leben niemals auch nur den leisesten Schimmer einer Ahnung haben: Was es bedeutet, einen Geist zu beschwören.]<<<<<
- Bandit <21.02.58/09:56:31>

Zurück in die Küche