Dirt Eater

Billys Sicht der Dinge

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Kalter Regen treibt mir ins Gesicht, als ich an der Elm Street vorbei auf´s Dirt Eater zueile. Die Vorfreude auf ein kaltes Bier ist überwältigend.

Von hinten nähert sich ein Auto, das an mir vorbeizieht - nicht ohne das Wasser einer Pfütze auf meine Hose zu ergießen - und vor dem Eingang stoppt. Sagte ich gerade Auto? Dieses Wort wird jenem Traum aus verchromtem Metall und getöntem Glas nicht gerecht. Ein silberner BMW-Sportwagen, aus dem gerade ein Elf in Maßanzug entsteigt. Er sieht mich an, nickt und bewegt sich einige Schritte auf mich zu. Tödliche Eleganz. Als er mich erreicht, beginnt er mechanisch zu lächeln. Ich erwidere das Lächeln und strecke ihm meine Hand entgegen. Er schlägt ein. Kälte. Auf der Suche nach irgendeiner Gefühlsregung, blicke ich ihm in die Augen, doch ich werde nicht fündig. Sein Blick ist unstet, immer auf der Suche nach einer imaginären Gefahr, die hinter jeder Ecke zu lauern droht. Er ist ein Profi. Das steht außer Frage. Tödlich mit jeglicher Feuerwaffe oder dem Katana. Es gibt wohl niemanden, den ich lieber neben mir weiß, wenn die Kacke am dampfen ist. Dennoch ist er kein Freund. Dazu ist er zu leblos. Unfähig Freude oder Mißfallen auszudrücken. Das ist Twister.

Gemeinsam betreten wir das Dirt Eater. Der vertraute Geruch von Zigaretten, Schweiß und Chili strömt mir entgegen. Es ist noch nicht viel los. Gewohnte Gesichter.
An der Theke wendet sich mir ein riesiger Kopf zu. Gelbbraune Hauer lassen das Grinsen noch dreckiger erscheinen. Ein markerschütterndes Rülpsen fordert mich auf Platz zu nehmen. Wer könnte einer so freundlichen Einladung schon widerstehen? Ich setze mich auf den freien Hocker neben Freddy. Noch bevor er beginnen kann mich vollzuquatschen, betritt Falcon mit einem Eimer, in dem sich eine dampfende Masse befindet, den Raum. Er platziert den Eimer vor Freddy und reicht ihm eine Suppenkelle. Freddy zögert keine Sekunde. Fast wäre es Falcon nicht mehr rechtzeitig gelungen, seine Hand wegzuziehen. Während Freddy das Chilli in sich hineinschlingt, betrachte ich ihn von der Seite. Freddy ist groß. Riesig. Seine Muskeln sind hart wie Stahl, genau wie seine Haut. Freddy ist ein furchterregender Gegner. Selbst ich fürchte ihn im Nahkampf. Seine Wallacher Streitaxt - Freddys Lieblingswaffe - lehnt träge an der Theke. Seine Sporne benutzt er gerade um sich diverse Essensreste aus den Zahnlücken zu pulen. Sagte ich, dass Freddy furchterregend ist? Seine pure Körpermasse und sein diabolischer Blick schüchtern selbst gestandene Kämpfer ein. Darüber hinaus ist Freddy schwer vercybert. Reflexe, Smartgun, Sporne, Kunstmuskeln, Körperpanzerung, was der Sam von heute so alles braucht. Ich bin froh, Freddy nicht zum Feind zu haben.

Mit einem Schulterklopfen verabschiede ich mich von meinem Lieblingstroll. Als ich mich gerade den Privaträumen zuwenden will, ertönt von der Seite eine Stimme. Casio. Ich habe in beim Reinkommen gar nicht gesehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich ihn einfach nicht sehen wollte. Ein gezwungenes Grinsen gelingt mir gerade noch, als ich ihn anschaue. Was für eine Witzfigur! Kaum größer als Freddys linker Arm, trägt er seine lächerliche Schlaghose mit Rüschenhemd und silberner Glitzerjacke. Peinlich. Besoffen ist er auch schon wieder. Aus glasigen Augen schaut er mich an und zieht mich grinsend an seinen Tisch. Eine Minute - länger bleib ich auf keinen Fall. Casio nervt. Außerdem ist er geldgeil. Für 1000 Nuyen würde er seine Oma umlegen. Manchmal würde ich ihm gerne richtig was auf die Fresse geben. Aber die anderen behaupten, dass wir Casio brauchen. Er ist unser Matrixcrack. Zumindest dort scheint er wirklich was drauf zu haben, während seine Fertigkeiten in der realen Welt höchst limitiert sind, vom Autofahren einmal abgesehen.

Während Casio irgendwas von Pornos faselt, verlasse ich den Tisch, was er in seinem Zustand gar nicht zu bemerken scheint. Ich betrete den Flur zu den hinteren Räumen des Dirt Eater. Küche, Klo und Privatraum liegen vor mir. Als ich gerade den Privatraum betreten will, öffnet sich die Klotür und Bandit schaut heraus. Freundlich lächelt sie mich an. Früher, bevor Bandit sich Cyberaugen hat implantieren lassen, habe ich ihr strahlendes Lächeln noch mehr genossen. Dennoch umarme ich sie freundschaftlich und mustere sie von unten bis oben. Bandit ist hübsch. Keine Traumfrau, aber hübsch. Darüber hinaus ist sie die einzige Frau, mit der ich es länger als 10 Minuten aushalte, ohne Sex mit ihr zu haben. Ich rede gern mit Bandit. Vielleicht liegt es daran, dass wir beide dem schamanistischen Pfad folgen. Auch wenn sie Schamanin ist und ich Ki-Adept, fühlen wir uns irgendwie verbunden. Ihr Totem ist Waschbär, meines ist Löwe - größer könnte der Unterschied wohl kaum sein - dennoch ist sie sowas wie meine Mentorin. Sie hat mich einst vor der Dummheit bewahrt, meinen Körper mit Cyberware vollzustopfen und mir den Pfad der Magie gewiesen. Umso unverständlicher war es deshalb für mich, warum sie ihren eigenen Körper mit Cyberware hat verschandeln lassen. Sei´s drum. Das muss sie selbst wissen. In unserer Gruppe hat Bandit in erster Linie die Aufgabe der magischen Aufklärung zu erfüllen. Im Astralraum ist sie nämlich ein echter Crack. Auch ihre Geister und Watcher machen uns das Leben oft sehr viel leichter. Körperlich jedoch ist sie sehr verletzlich. Leider scheint sie sich dessen nicht immer bewußt zu sein, und deshalb kann es zuweilen vorkommen, dass sie in vorderster Reihe herumturnt, was Freddy, Twister und mir das Leben nicht unbedingt leichter macht. Verlegen lächeld Bandit mich an. Erst jetzt wird mir bewußt, dass ich sie seit einiger Zeit anstarre.

Mit einer einladenen Geste öffne ich die Tür zum Privatraum, wo Twister und Daedalus in trauter Zweisamkeit sitzen. Daedalus ist klein. Sehr klein. Und dick. Ein Zwerg eben. Irgendwie wirkt er wie ein fettes Kind, wenn da nicht der Bart wäre. Daedalus ist mir sehr sympathisch. Noch sympathischer wäre er mir allerdings, wenn er nicht immer alles streng logisch angehen würde. Manchmal glaube ich, er ist ebenso emotionslos wie Twister. Naja, zumindest fast. Ich schließe die Tür hinter Bandit und gebe Daedalus die Hand. Ein fester Händedruck. Obwohl nur Hermetiker, ist er durchaus in der Lage, sich auch körperlich zur Wehr zu setzen. Dennoch ist die Magie seine stärkste Waffe. Er ist zwar nicht in der Lage Geister zu beschwören, aber er ist ein exzellenter Sprücheklopfer. Außerdem ist er mit seinem Bücherwissen unverzichtbar für uns. Keine Frage, die ihm seine Bücher nicht beantworten können - der Stolz seiner Sammlung ist übrigens eine Ausgabe des Kamasutra, mit speziellen Praktiken für Zwerge. Das beste ist, dass er immer vollkommen verlegen wird, wenn man ihn darauf anspricht. Überhaupt hat Daedalus es nicht so mit Frauen. Manchmal wird er richtig depressiv, weil er ein Zwerg ist, und deshalb keine abkriegt. Doch andererseits weist er Frauen, die ich für ihn aufreiße immer zurück - sehr verdächtig.

Ja, das sind meine Chummer. Zumindest der harte Kern. Hinzu kommen noch zwei weitere Freaks. Kane ist ein Ki-Ad. Mit ihm versteh ich mich nicht besonders gut, da er seine orkische Natur verleugnet. Im Kampf ist er eine gute Hilfe, auch wenn er oft Extratouren durchzieht. Ansonsten kann ich nicht viel über ihn sagen. Nur soviel: er ist verschlossen, ernsthaft, oft aufbrausend und skrupellos. Barracuda hingegen ist mein Nigger. Er ist ein menschlicher Sam, der die Schatten hinter sich gelassen hat, um sich Frau und Kind zu widmen. Manchmal vermisse ich ihn auf unseren Runs. Er war jemand, auf den Du dich 100% verlassen kannst. Außerdem hat er das Runnerleben nicht so tierisch ernst genommen. Für ihn stand der Spaß im Vordergrund, nicht der Schotter. Schade, dass er jetzt Rentner ist.

So, jetzt trink ich erstmal ein Bier!

Bis bald, Billy!

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