Dirt Eater

Die Vorgeschichte von Bruder Botch

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Ich würde sagen, die ersten 15 Jahre lassen wir mal aus. Erstens habe ich sie schon so gut wie vergessen und zweitens ist es sowieso nur die übliche Geschichte. In Kurzform etwa so: Tolle Kindheit - Verwandlung in einen Troll - Schluss mit toller Kindheit - Überleben in der Gosse.

Interessant wird es erst an dem Punkt, als ich es (natürlich durch Zufall) geschafft habe, von der Straße runter zu kommen. Ich wühlte wie jeden Tag in einer Mülltonne rum, um irgendetwas essbares zu finden, was mich nicht sofort umbringen würde. Da hörte ich eine Stimme. Eine dieser Stimmen, bei denen man erst mal bis 10 zählen muss (und das kann ich sogar!), um nicht sofort durchzudrehen und dem Besitzer dieser Stimme die Zunge rauszureißen und in den Darm zu schieben. Diese „Hör auf mich, mein Sohn, denn ich weiß alles besser und habe die Weisheit mit Suppenkellen gelöffelt“-Stimme. Was diese Stimme tatsächlich sagte, war: „Na, mein Junge? Da hast du dir aber ein richtig feines Restaurant ausgesucht!“

Was macht man in so einem Fall als Troll? Richtig! Man dreht sich um und beißt dem Idioten die Murmel ab. Umgedreht habe ich mich. Aber dann kam alles anders. Zunächst war ich einfach nur verwirrt. Da stand doch tatsächlich so eine Art Pfarrer vor mir! Ein Mensch. Und das im Ork-Underground! Wieso lebte der Typ noch? Und dann seine Gestalt. Auch wenn ich ihm die Murmel hätte abbeißen wollen, hätte ich es nicht geschafft. Dieser Kopf war für einen Menschen einfach unglaublich groß. Alles andere hätte aber auch lächerlich gewirkt... auf diesem Körper! Da stand ein Mensch vor mir, der mehr wog als ich! Umhüllt von einer schwarzen Robe, so dass die Ähnlichkeit mit einem Zirkuszelt verblüffend war. Allerdings ein Zirkuszelt mit einem großen, silbernen Kreuz auf der Brust. Mir gingen spontan drei Dinge durch den Kopf: „Dieser Trottel hat sein Kreuz falsch herum an der Kette festgemacht.“ „Hm, von diesem Fleischberg könnte ich mich zwei Monate ernähren.“ „Folge ihm!“ Letzteres irritierte mich zwar, aber ich konnte nicht anders. Anstatt mit ihm blutige Dinge zu tun, hatte ich einfach nur den Wunsch, ihm zu folgen. Er sagte nichts weiter, setzte nur ein verdammt widerliches Lächeln auf, so dass ich mir wie ein kleines Pissblag vorkam, das gerade was völlig blödes gesagt hat. Dabei hatte ich ja noch gar nichts gesagt! Ich wollte es! Stattdessen ging ich aber nur schweigsam neben ihm her. Dabei nahm ich im Augenwinkel wahr, wie an einer Hausecke eine Gruppe von fünf Orks einen sechsten versorgten, der blutend im Dreck lag. Sie schauten verdammt ängstlich in unsere Richtung. Ich wusste, dass sie nicht vor mir Angst hatten. Und ich wusste, dass sie eigentlich nie Angst hatten! Aber auch das hinderte mich nicht daran, weiter diesem Fleischklops folgen zu wollen.

Er führte mich aus dem Ork-Underground heraus in einen mittelschäbigen Teil von Redmond. Unser Ziel war eine kleine Kirche. Sie stand ziemlich verlassen auf einem mit Müll übersäten Platz, auf dem früher so eine Art Jahrmarkt gestanden haben muss. Direkt neben der Kirche stand noch der verrostete Rest eines großen Kettenkarussels. Ich hatte so etwas schon mal im Trid gesehen... früher, als ich noch ein Norm war...

Normalerweise lösten diese Erinnerungsfetzen so ein beschissen melancholisches Gefühl in mir aus. Aber nicht diesmal! Im Gegenteil. In diesem Moment fühlte ich mich plötzlich völlig mit mir und meinem Dasein im Einklang. Kein Klagen über meine lächerliche Existenz, sogar das Hungergefühl war mir egal. Ich fühlte mich zum ersten Mal seit meiner Verwandlung... tja... wohl und zufrieden. Ich glaube sogar, dass ich in diesem Moment stehen blieb, das Karussel anstarrte und lächelte wie ein Geistesgestörter. Als ich mich wieder an die Realität erinnerte, schüttelte ich verwirrt den Kopf und merkte eine Hand auf meinem Unterarm. Fleischklops stand neben mir, hatte immer noch dieses verfluchte Lächeln in seiner Fresse und sagte: „Du wurdest gerade erleuchtet!“ Dieses abstruse Verlangen, ihm folgen zu wollen, war verschwunden. Sofort wallte in mir unendlicher Zorn auf, ich hob meine Faust und wollte seinen Kopf platzen sehen. Ich freute mich darauf! Doch anstatt vor Angst zusammenzubrechen oder sich zu verpissen, blieb er einfach stehen und lächelte mich weiter an. Und da traf es mich wie ein verdammter Blitz: Er hatte recht! Ich war erleuchtet! Gottes Hand hatte mich berührt!

Völlig verdutzt ließ ich mich von ihm in diese kleine Steinkirche führen, die von innen aussah, wie so kleine Steinkirchen halt von innen aussehen. Er erklärte mir, welche Aufgabe Gott ihm gestellt habe und wie er sie auszuführen versuchte. Was er erzählte, handelte nur von Religion, einem anderen Christentum, irgendwelchen Schäfchen und vielen weiteren Dingen, die ich nicht verstand. Dabei ließ er nie sein überhebliches Lächeln fallen. Vor lauter Verlegenheit und auch ein bisschen aus Langeweile lehnte ich mich an den Altar, der leider nicht so stabil war, wie er aussah. Anstatt mich zu halten, kippte er einfach um und begrub die erste Kirchenbank unter sich. Vater David (so heißt... hieß Fleischklops) wurde rot. Ich konnte ihm ansehen, dass er wütend war, denn für eine Sekunde verlor er dieses Lächeln. Aber er sagte nichts weiter, sondern bat mich nur, den Altar wieder aufzurichten. Als ich das tat, bemerkte ich das Fach unter dem Sockel. Ich blickte ihn fragend an, aber er sagte nur: „Später!“ Er nannte mich von da an Bruder Botch [1].

Er erklärte mir, wie ich Gott dafür danken könnte, dass er mich erleuchtet hatte. Ich sollte Vater David dabei helfen, Unheil von seiner Kirche abzuwenden. Unheil in Form böser Menschen, die Vater Davids Religion nicht akzeptierten und deshalb seine kleine Gemeinde tyrannisierten. Er brachte mir alles nötige bei bzw. holte andere Leute, die mir dann noch andere Sachen beibrachten. Zum Beispiel das Schießen und den Kampf mit den Fäusten und mit einer Streitaxt. Ich hätte ja lieber mit einem Schwert gekämpft (ich hatte da mal so einen Film gesehen mit irgendwelchen Muskeltieren...), aber Vater David bestand darauf, dass ich den Umgang mit einer Axt lerne. Nach einigen Monaten des Trainings sagte er mir, ich könne auf einen Schlag noch besser werden, müsste dafür aber ein paar Tage zum Arzt gehen. Ich war einverstanden, woraufhin ich „verdrahtet“ wurde, wie es der Arzt genannt hatte. Ich fühlte mich lange unwohl mit meinem neuen Körper, aber nach einiger Zeit ging es. Ich war auf einmal viel schneller und widerstandsfähiger. Die abendlichen Lektionen, die Vater David mir erteilte, taten nicht mehr so weh. Ich fragte ihn, warum das denn überhaupt sein müsste. Er sagte, dass das für meine Konzentrationsfähigkeit und für meinen Glauben überaus wichtig wäre. Also konzentrierte ich mich... und stellte fest, dass ich die Schmerzen bald völlig ausblenden konnte. Er konnte seine kleine Peitsche noch so feste über meinen Rücken ziehen – ich spürte nichts mehr.

Und so sorgte ich die nächsten zwei Jahre für Ruhe und Frieden. Die Leute, die mit ihren großen, teuren Autos herkamen, um Vater David’s Worten zu lauschen, waren nett zu mir. Sie lächelten mir zu, wenn sie aus der Messe herauskamen, woraufhin ich mich vor lauter Stolz noch breitbeiniger vor das Kirchenportal stellte und versuchte, die Axt möglichst lässig auf meine Schulter zu schwingen. (Beim ersten Mal habe ich dabei eine große Kerbe in die Kirchentür geschlagen, die noch heute zu sehen ist! Ein anderes Mal hätte ich beinahe einem von Vater David’s Schäfchen den Kopf abgeschlagen, aber auch nur, weil dieser Typ so doof hinter mir stand.) Die bösen Menschen, die manchmal kamen, um Steine oder kleine Brandbomben auf die Kirche zu schmeißen, kamen bald nicht mehr. Meistens sind sie mir entwischt (ich bin ja nicht der schnellste), aber wen ich einmal zwischen den Fingern bzw. Fäusten hatte, der kam mit Sicherheit nicht wieder! Manchmal feuerten sie sogar mit Pistolen auf mich, aber wenn ich dann meine Waffe zog und ihnen zur Warnung zwischen die Füße schoss, ließen sie das sofort wieder bleiben. Wenn ich getroffen wurde, habe ich das oft erst später bemerkt.

Ich hatte also eine Aufgabe, genug zu essen, ein eigenes kleines Zimmer und musste nicht mehr auf der Straße im Müll wühlen. Manchmal versuchte ich sogar, das, was Vater David ständig erzählte, zu verstehen. Gelesen habe ich auch, aber nicht sehr viel, weil ich etwas langsam damit bin. Ich fühlte mich wohl.

Bis zu dem einen Tag, als ich zufällig Vater David am Telefon zuhörte: „ ...und dieser Depp weiß bis heute noch nicht, dass er magisch veranlagt ist! Er ist zwar groß und stark, aber einfach zu blöd! Wenn ich nicht aufpasse, reißt er irgendwann beim Scheißen meine Kirche ab! Und meine Axt werde ich diesem Hohlkopf mit Sicherheit nicht in die Hand drücken! Was er mit dem Fokus anrichten könnte... oh Gott! Nein, ich muss diesen Troll loswerden. Es tut mir zwar leid wegen der Fehlinvestition, aber er ist einfach nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Ich habe mich in ihm getäuscht. Dummheit ist einfach nicht zu besiegen.“

Ich wartete, bis Vater David aufgelegt hatte, schlug ihn nieder, schleppte ihn in sein Zimmer, fesselte ihn auf seinen Sessel und verbrannte ihn.

Die Untersuchung durch Lone Star ging schnell vorbei. Bei dem Brand explodierte auch das Trideo, und so war die Sache klar: Unfall mit Todesfolge. Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass es den Bullen eigentlich ganz recht war, dass Vater David tot war. Ich fragte, was denn jetzt mit der Kirche sei, und sie sagten, dass sie vielleicht bald abgerissen wird... in hundert Jahren oder so! Wenn ich wollte, könnte ich hier bleiben und verrotten!

Seitdem wohne ich in dieser Kirche, versuche die elektronischen Sicherheitssysteme zu verstehen und meine Sünde zu vergessen. Ersteres habe ich inzwischen geschafft, letzteres nicht. Ich trage die Schuld in mir. Irgendwann werde ich dafür büßen müssen...

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[1] Engl.: to botch = verpfuschen, vermurksen, vermasseln