Dirt Eater

Die Vorgeschichte von Daedalus (Henry Slade)

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Geboren wurde ich am 15.9.2031 in Denver. Bis zu meinem 14. Lebensjahr verlief mein Leben völlig normal. Meine Eltern waren relativ wohlhabende Leute, weshalb ich eine gute Erziehung und eine gute Schulbildung genoß. Doch dann geschah es: zu Beginn meiner Pubertät mutierte ich in einen sogenannten Zwerg - die Goblinisierung hatte mich erwischt, und das völlig überraschend und ohne Vorwarnung! Eben noch ein normaler Mensch, und plötzlich ein kleiner häßlicher Knubbel! Mit etwas Unterstützung von außerhalb hätte ich vielleicht damit fertig werden können, doch die fand ich leider nicht - im Gegenteil: meine Eltern wollten nichts mehr mit mir zu tun haben! Sie konnten es nicht ertragen und schmissen mich einfach 'raus! Auch Verwandte und sogenannte Freunde wendeten sich von mir ab - ich fühlte mich wie ein Ausgestoßener und entwickelte einen immensen Haß auf jeden, den ich kannte. Dieser Haß half mir ein wenig dabei, mit meinem Zwergen-Dasein fertig zu werden. Ich verstehe bis heute nicht, wie damals alle so kalt reagieren konnten - ich war anscheinend so etwas wie ein (kleines) Monster für sie, aber nicht mehr der Sohn, Neffe, Freund oder was weiß ich, der ich vorher war. Ich frage mich immer wieder, wie ich wohl reagiert hätte, wenn dies einem meiner Freunde passiert wäre. Ich denke, ich hätte weiterhin den Freund in ihm gesehen, das heißt: ich hätte es zumindest versucht... Naja, was soll's, die Menschen aus meiner Vergangenheit sollen meinetwegen alle verrecken!

So landete ich also auf der Straße. Die erste Zeit war ziemlich hart. Ich verfiel in tiefste Depressionen und war nicht selten kurz davor, Selbstmord zu begehen. Wenn man so eine Goblinisierung nicht selbst durchgemacht hat, kann man sich wohl nicht vorstellen, wie man sich danach fühlt. Es ist unbeschreiblich. Man ist plötzlich ein völlig anderes Wesen, kein Mensch mehr! Ich bin bis heute noch nicht ganz darüber hinweg. Ich versuche mir zwar immer einzureden, dass es nicht zählt, ob man Zwerg oder Mensch oder sonstwas ist, aber 100-prozentig funktioniert das nicht.
Klein und nicht-menschlich, wie ich war, musste ich also versuchen zu überleben! Meine Mutter hatte wenigstens so viel Menschlichkeit aufbringen können, dass sie mir - mit sichtlichem Widerwillen - Geld in die Hand drückte, von dem ich eine Zeit lang leben konnte. Irgendwie schaffte ich es so, mich über Wasser zu halten, und lernte das Leben auf der Straße kennen. Ich lernte, mich meiner Haut zu wehren - sei es mit Fäusten oder mit Waffen, und ging anderen aus dem Weg. Es war so gut wie unmöglich für mich, neue Kontakte zu knüpfen. Ich verschloß und isolierte mich. So verbrachte ich zweieinhalb Jahre, in denen ich nichts davon ahnte, was in Wirklichkeit in mir steckte.

Das erfuhr ich durch einen Zufall, der mein gesamtes Leben verändern sollte. Ich jobbte in einer kleinen Imbißbude, fegte gerade den Boden, als plötzlich ein gutgekleideter, älterer Mann vor mir stand und mich einfach nur anguckte. Als mir das zu blöd wurde und ich ihn gerade anfahren wollte, meinte er nur: "Du hast die Begabung!" Wahrscheinlich lag es an meinem Gesichtsausdruck, dass er sofort anfing zu erklären, was er damit meinte. Die Kurzfassung von dem, was er mir dann bei einer Tasse Kaffee offenbarte, ist: ich bin magisch begabt! Er bot mir an, mich aufzunehmen und auszubilden, wenn ich bereit wäre, mein bisheriges Leben aufzugeben. Ich dachte eine halbe Sekunde darüber nach und nahm an.

Der Name des Mannes ist Martin Robertson. Er ist Professor für Magie an der Universität in Denver. Ich durfte in einem kleinen Zimmer bei ihm wohnen (er war alleinstehend). Als Gegenleistung musste ich den Haushalt übernehmen, womit ich keine Probleme hatte, da alles besser war als die vergangenen zweieinhalb Jahre. Anfangs hatte ich ein wenig Angst, dass er vielleicht eine perverse Neigung zu Zwergen habe, aber ich merkte schnell, dass dem nicht so war.

In so einer Art Privatunterricht bei ihm holte ich die fehlende Zeit an Schulbildung nach. Dabei legte er viel Wert auf Latein. Dann schrieb er mich in der Universität ein, wo ich anfing die Magie zu studieren - sowohl theoretisch als auch praktisch! Ich hatte immer noch Probleme, mit anderen Personen umzugehen, und so verbrachte ich die meiste Zeit in meinem kleinen Zimmer. Das lag vor allem daran, dass zwar mein Körper sich in einen Zwerg verwandelt hatte, mein Geist aber der gleiche geblieben ist. Folglich konnte ich auch meinen Geschmack, was das andere Geschlecht angeht, nicht auf 1,25 m große, pummelige Frauen umstellen. Und die Hoffnung, eine Menschenfrau abzubekommen, konnte ich wohl sofort in den Wind schießen. So lenkte ich mich durch intellektuelle Studien und körperliche Übungen ab und versuchte dadurch meinen Frust zu bekämpfen. Meine Hauptbeschäftigung bestand im Lesen von Büchern aus Mr. Robertson's Bibliothek. Ich interessierte mich besonders für Parapsychologie. Im Laufe der Zeit war ich mehr und mehr davon überzeugt, dass die Magie, wie sie heute besteht, schon im 20. Jahrhundert latent vorhanden war. Damals nannte man so etwas Psi-Phänomene. Heute ist es nichts anderes, nur dass diese Kräfte nun viel stärker sind. Das heißt, dass alles, was Magier (und auch Schamanen - sie wissen es nur nicht!) tun, nichts anderes ist, als die Materie mit ihrem Geist zu beeinflussen. Natürlich macht man sich mit dieser Meinung bei den meisten Magiern (von Schamanen ganz zu schweigen!) sehr unbeliebt, da für sie ihre Begabung entmystifiziert würde, sähen sie es so wie ich. Sie glauben lieber an Geister und große Kräfte von außerhalb. Ich frage mich nur, warum sie das tun? Ist es nicht viel befriedigender, wenn man weiß, dass man ganz alleine für diese enorme Macht verantwortlich ist? Naja, wie dem auch sei - auf jeden Fall trug mein Festhalten an dieser Theorie nicht unerheblich zu meiner Einsamkeit bei. Ich glaube, an der Universität galt ich als ziemlich seltsamer Einzelgänger. Auch andere Zwerge (von denen es nicht sehr viele gab), wollten nicht viel mit mir zu tun haben. (Oder ich nicht mit ihnen?)

Anfang dieses Jahres merkte ich dann, dass mir irgendetwas fehlte. So, wie es war, konnte es nicht weitergehen. Ich studierte vor mich hin, meistens von meinen Interessen geleitet. So lernte ich Geige spielen, eigenete mir Wissen über die Astronomie an und war ganz versessen auf alle möglichen Mythen und Sagengeschichten. Ein richtiges Ziel hatte ich nicht vor Augen. Mr. Robertson bot mir an, dass ich nach meinem Abschluß weiter an der Uni arbeiten könnte, doch das wollte ich nicht. Als ich mit ihm darüber sprach, riet er mir - so leid ihm das auch tat - wegzuziehen und irgendwo neu anzufangen, da ich mich in der gewohnten Umgebung nie ändern und für immer ein Einzelgänger bleiben würde. Nach langer und reiflicher Überlegung konnte ich mich dazu durchringen. Zum Abschied schenkte er mir einige seiner Bücher - genau die, für die ich mich immer am meisten interessiert hatte. Außerdem versicherte er mir, dass ich jederzeit zurückkehren könne, sei es um ihn zu besuchen oder um mich in der Magie weiterzubilden oder um einen ordentlichen Abschluß zu machen. Mit meinem Ersparten und mit Mr. Robertson's finanzieller Unterstützung zog ich nach Seattle und nahm mir dort eine kleine Wohnung in einem Stadtteil names Sophokles, der - wie ich dachte - gut zu mir passen würde. Ich habe zwar nicht viel erwartet, aber dass das eine so miese Gegend sein würde, hatte ich nun auch nicht gedacht. Naja, da muss ich jetzt erstmal durch - zurückkehren kann ich immer noch!

Warum ausgerechnet Seattle? Weil ich gehört habe, dass man hier ungewöhnliche Jobs erledigen kann, und genau das hat mich hierher gelockt. Ich habe keine Lust auf irgendeinen Bürojob oder ähnliches, da hätte ich auch an der Uni bleiben können. Ob ich wirklich ein sogenannter "Runner" werden will, weiß ich nicht (zumal ich gar nicht genau weiß, was das ist), aber ausprobieren werde ich es. Deshalb habe ich mir auch einen Straßennamen zugelegt: Daedalus (was natürlich auf meine Vorliebe für Mythen und Sagen, aber auch auf einen bestimmten "Zauber", den ich beherrsche, zurückzuführen ist). Jetzt kommt es darauf an, die richtigen Leute kennenzulernen und möglichst bald einen dieser ungewöhnlichen Jobs angeboten zu bekommen - denn mir geht langsam, aber sicher das Geld aus!

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