Dirt Eater

Die Vorgeschichte von Jazz (Dina Walsh)

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“Sir, bei allem gebotenen Respekt, aber den Befehl konnte ich so nicht ausführen.“
„Was hat sie abgehalten, Walsh?“
„Das Wissen um die fünf Ganger auf der anderen Seite der Tür.“
„So, so. Und da hielten sie es für angebracht, den Befehl einfach zu missachten?“
„Äh, ja.“

Mal wieder hatte der Chief mich zu sich beordert. Im Grunde war das jedes Mal ne glatte Lachnummer. Ich meine, der Typ hatte wohl noch nie einen ernsthaften Einsatz in den Barrens und plusterte sich auf, wie ein Kanarienvogel. Nur diesmal war ich absolut nicht in Stimmung. Der heutige Einsatz war mieserabel gelaufen. Ein Wunder, dass alle unsere Leute unbeschadet davon gekommen waren. Der leitende Seargent war ein Emporkömmling, der gerade erst seine Ausbildung abgeschlossen hatte und sich im Sprawl absolut nicht auskannte. Vitamin B war das, was ihn soweit gebracht hatte. Weitere Details erspare ich mir an dieser Stelle. Jetzt standen der Chief und ich uns gegenüber.

„So etwas ist ihnen schon öfter passiert. Sie wollen mir doch wohl nicht einreden, dass sie ständig unsinnige Befehle bekommen?“
„Wenn sie das so formulieren wollen, ja.“
„WAS BILDEN SIE SICH EIGENTLICH EIN?“
„Ich bilde mir ein, mehr Erfahrung auf der Straße zu haben, als irgend so ein Bürohengst, der bei dem leisesten Schuss direkt in Deckung springt und seine Leute im Stich lässt.“

Der Chief ging zur Tür, schloss sie und machte die Fenster zum nächsten Büro sicher vor neugierigen Blicken.

„Dieser Bürohengst ist der beste Absolvent der Lone-Star-Akademie seines Jahrgangs.“
„Na fein, dann kann er sich ja sein Diplom einrahmen, im Wohnzimmer an die Wand nageln und sich mit seinem kleinen, empfindlichen Hintern davor setzen!“
„Raus hier, sofort!“
„Und am besten hocken sie sich direkt daneben.“

Der Chief glotzte mich an und rang nach Luft. Dann packte er mich am Kragen – zumindest versuchte er es – und wollte mir wohl eine Ohrfeige verpassen. Also bitte, was sollte das denn? Wie es weiter ging, kann ich nicht wirklich genau wiedergeben. Auf jeden Fall hielt sich der Chief danach die Hände vor sein Gesicht und gab unverständliche Laute von sich. Später erfuhr ich dann, dass seine Nase gebrochen war. Wow, im Boxen war ich nie besonders gut. Ich brauchte einen Moment um mich zu fangen. Dann machte ich auf dem Absatz kehrt und verschwand aus dem Büro. Meine Klamotten hatte ich innerhalb weniger Sekunden von meinem Schreibtisch gefischt, als mein bester Kumpel und Kollege, Patrick Fielding, zu mir kam.

„Du solltest zu sehen, dass du so schnell wie möglich Land gewinnst. Jazz, wenn der Chief dich noch hier erwischt, lässt er dich direkt einbuchten.“
Und flüsternd:
„Hat es Spaß gemacht?“
„Oh ja. Jetzt geht´s mir deutlich besser. Aber den Job bin ich wohl los.“
„Wir sehen uns.“

Als ich in meiner Wohnung ankam, hatte ich bereits zehn Millionen Anrufe auf meinem Anrufbeantworter. Tja, was soll ich sagen. Der Job bei Lone-Star war natürlich dahin. Mir wurde direkt gesagt, ich solle erst gar nicht auf die Idee kommen, mich bei einer anderen Lone-Star-Einheit zu bewerben. Des weiteren könne ich mit einer Anzeige wegen tätlichen Angriffes und Körperverletzung rechnen. Klasse, jetzt hatte ich auch noch eine Anzeige auf meiner SIN. Aber das war es wert.

Die nächsten Tage genoss ich das süße Nichtstun. Die Anzeige endete darin, dass ich zur Zahlung eines Bußgeldes und drei Monaten auf Bewährung verdonnert wurde. Mein Erspartes reichte nicht mehr lange, also machte ich mich auf die Suche nach einem neuen Job. Ein Schieber, mit dem ich schon öfter im Rahmen eines Einsatzes zu tun hatte, versprach mir, sich für mich umzuhören.

Etwas mehr als eine Woche später klingelte mein Telefon. Mir wurde gesagt, ich solle mich noch an diesem Abend in einer schäbigen Kneipe in den Barrens einfinden. Dort würde so etwas wie ein Einstellungsgespräch stattfinden. Die Sache kam mir von Anfang an seltsam vor. Aber gut, öfter mal was neues. Also bin ich hin. Der Typ, der Leute für einen Auftrag suchte, stellte sich als Mr. Johnson vor. Sämtliche Sirenen, die ich zur Verfügung hatte, schlugen Alarm. Aber die Sache hörte sich interessant an. Es ging um die Extraktion einer Person aus einem eher unwichtigen Kon. Es dämmerte mir schneller, als mir lieb war, dass es sich dabei um so was wie einen Shadowrun handeln musste. Ich fand gefallen daran, auf diese Weise mein Geld zu verdienen und so machte ich damit weiter. Erst nur für diesen Johnson, später auch für andere. Alleine oder mit weiteren Runnern. Oftmals ein bunt zusammen gewürfelter Haufen hochspezialisierter (Meta-)Menschen. Ich knüpfte weitere Kontakte u.a. zu einem Straßendoc namens Doc Hollywood. Bei ihm habe ich auch meine Lebensversicherung in Form von Cyber- und Bioware abgeschlossen.

Mit meinem damaligen Kollegen Patrick treffe ich mich bis heute noch regelmäßig. Ich versuche, meinen „Job“ vor ihm geheim zu halten. Um ihn und irgendwie auch mich zu schützen. Natürlich hat er mich gefragt, womit ich mein Geld verdiene. Bisher konnte ich ihm auf diese Frage ausweichende Antworten geben, die er ohne Murren geschluckt hat. Aber ich bin mir sicher, dass er eine Vermutung hat, was ich mache.

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